Dienstag, 24. Mai 2016

2055- Die Geschichte vom letzten Koch

2055 - Die Geschichte vom letzten Koch


Es war der letzte Abend gewesen; er hatte, wie immer, alles aufgeboten, was sein alter Körper noch zu leisten imstande war und kochte auch an diesem Abend noch einmal mit allem, was ihn sein Leben lang ausgezeichnet hatte.

Mit viel Liebe zum Detail und der Hingabe eines wahren Meisters zauberte er an diesem Abend noch einmal in höchster Vollendung seine Kreationen auf die Teller.
Wohl noch bewusster als sonst, da ihm klar war, dass es das letzte Mal sein würde.
Morgen würde hier ein weiteres dieser gesichtslosen System-gastronomischen Restaurants entstehen - mit seinem vorgefertigten Gastro-Konzept, das so austauschbar war, wie un-inspiriert.

Aber scheinbar war das einfach eine andere Zeit, in die er nun nicht mehr hineinpasste.

Wir hatten nun das Jahr 2055 und als er seine Gedanken so zurückschweifen ließ, erfasste ihn sofort wieder die alte Leidenschaft, die sich durch sein ganzes Leben gezogen hatte.
In seiner Lehre und den anschließenden Wanderjahren schwärmte er von den großen Meistern, verehrte sie sogar und kämpfte sich unaufhörlich durch die besten Restaurants und Hotels, immer auf der Suche nach neuen Rezepten und Aromen. Getrieben vom Ehrgeiz und dem unbedingten Willen nach Erfolg lernte er das Leben eines Kochs kennen und lieben.

Im Laufe der Jahre merkte er jedoch, dass sich etwas änderte in seiner Branche. Es gab immer weniger Köche, was eine Entwicklung in Gang setzte, die er so nie für möglich gehalten hatte.
Hotelkonzerne stellten ihre Betriebe immer mehr auf Convenience um und standardisierten was das Zeug hielt; verkauft wurde es den Küchenchefs als Konzept und zur Qualitätssicherung. Fakt war, dass Fertigware warm gemacht wurde, die überall gleich schmeckte.

Da hier natürlich nicht mehr frisch gekocht wurde, leidete die Ausbildung stark und die Qualität der Köche sank mehr und mehr. Die Arbeitszeiten wurden nach wie vor nicht eingehalten, weil es ja nicht mehr genug Köche gab. Da mussten die übrigen einfach mehr tun und wer das nicht wollte, musste gehen oder wechselte von selbst in die Industrie.

Auch vor den Sterne Küchen machte dieser Trend nicht halt. Die ehemaligen Spitzenrestaurants mit ihren Köchen wurden geschlossen und durch kostengünstigere Trendkonzepte ersetzt.

Die Sterne Köche selbst mussten nach neuen Wegen suchen, um zu überleben, da auch hier Köche allmählich zur Mangelware wurden. Entweder stellten sie ihre Restaurants auf Casual Dinning um oder sie versuchten sich als Berater oder Entwickler für neue Speisekonzepte bei der Industrie. Manch einer versuchte auch übers Fernsehen genug Geld zu verdienen, um sich sein Restaurant noch weiter leisten zu können.

Um 2030 dann drehte sich die Spirale immer schneller, fast alle letzten echten Restaurants mussten die Segel streichen und die Gastro-Landschaft begann sich neu zu ordnen.
Ohne das der Kunde es merkte, waren wie über Nacht nur noch standardisierte Restaurants und Hotelkonzepte auf dem Markt, die voll auf die, von der Industrie, produzierten Speisen setzten.

In einigen von ihnen kamen Teile der Speiseproduktion aus dem 3 D Drucker, erstellt mit einem Nahrungsbrei, der dann nach der Formgebung aushärtete. Die Schreckensvision aus Louis de Funés „Brust oder Keule“ war Wahrheit geworden.
Köche waren nur noch „Aufwärmer“ und wurden mit Hungerlöhnen abgespeist, was dem Beruf endgültig den Todesstoß verpasste. Meist wurden diese Tätigkeiten auch nur noch von Hilfskräften ausgeführt.

Die letzten verbliebenen Küchenchefs waren lediglich Verwalter ihrer Küchen und die jährlichen Küchenchef Meetings der Konzerne waren zu einer Produktpräsentation der Industrie verkümmert, in denen man sich nur noch darüber unterhielt welches Gericht der beiden Fertigspeisen wohl das bessere wäre. Wo sich früher über Rezepte ausgetauscht wurde und man die Freude am Kochen zelebrierte, trafen sich jetzt nur noch ein paar Marionetten der Lebensmittelindustrie ohne Berufs-Ehre.

Hätte man sie gefragt, hätten sie wahrscheinlich geantwortet „Was soll ich denn machen, ich habe ja keine ausgebildeten Leute mehr und außerdem ist das ja viel wirtschaftlicher“.
Wohl wahr, aber sich mit seinem Schicksal abfinden und den Kopf in den Sand stecken, ist wohl auch nicht die Lösung gewesen. Erbärmlich, wie man für alles immer eine Ausrede finden kann.

2040 fiel dann der letzte große Stein im großen Lebensmittel Roulette. Bis auf ein paar wackere Köche, die in ihren Restaurants aushielten, war die Restaurant und Gastro-Welt zu 100% standardisiert.
Es gab nur noch 2 Großkonzerne auf der Welt, die alles unter sich aufteilten und der Beruf des Kochs in seiner Reinform war eigentlich verschwunden.
Die letzten Verbliebenen, wie er selbst auch, hatten Schwierigkeiten Gen-freie und unbehandelte Lebensmittel zu bekommen, was es auch im täglichen Geschäft immer schwerer machte, gesund und verantwortungsvoll zu arbeiten.
Um 2045 brachen dann alle Dämme. Die Lebensmittelvielfalt wurde geregelt. Alle Pflanzen, die nicht effizient genug oder schlicht nicht lukrativ genug, wurden nicht mehr angeboten.
Viele der alten Gemüse und Obstsorten fielen dieser Entwicklung zum Opfer. Die Vielfalt war tot!

Zum Wohle der Menschheit, wie man hörte, denn man brauche ertragreiche Lebensmittel, um alle Menschen auf Erden zu ernähren, anders ginge das nicht.

Aber das war irgendwie auch schon egal in einer Welt, in der Kinder den Geschmack frischer Lebensmittel gar nicht mehr kannten und Geschmack auch nur noch eine Frage der Garderobe war.
Der Mensch war verkümmert, das Essen zu einer reinen Nährstoffaufnahme geworden.

Ein Wunder, dass er so lange ausgehalten hatte mit seinem kleinen Restaurant.

Als er das Licht löschte, zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss drehte und seine Küche verließ, starb ein großer Beruf für immer.
Denn was er an diesem Abend nicht wusste - er war der letzte wirkliche Koch gewesen.

Epilog:

Liebe Schlemmerlinge, Kollegen und Freude des guten Geschmacks - Ich habe heute zugegeben ein düsteres Bild der Zukunft gezeichnet. Ich wollte aber ganz bewusst mit Euch meine Sorge um die Zukunft der Branche teilen. Manche der hier angesprochene Punkte sind bereits Realität, die Profis unter Euch wissen genau von welchen ich hier spreche, andere sind noch in ferner Zukunft, könnten aber eintreten, wenn wir nicht Acht geben.
Mein Appell richtet sich an Alle von uns -  wir sind verantwortlich für die Speisen, die unsere Küchen verlassen. Wir sollten genau darüber nachdenken, ob wir unsere Seele der immer größer werdenden Lebensmittelindustrie mit ihren Voll Sortiment Convenience verkaufen möchten.
Denn wenn wir das tun, ist uns wirklich nicht mehr zu helfen.

Dann ist möglicherweise einer von uns irgendwann wirklich der letzte Koch.

Mit kulinarischen Grüßen
Euer

Alexander Reiter

Donnerstag, 5. Mai 2016

Chuck Norris war nicht hart genug!Hast Du das Zeug um Koch zu werden?

Chuck Norris war nicht hart genug! Hast Du das Zeug um Koch zu werden?




Im August und September beginnt ja überall in Bayern wieder ein neues Ausbildungsjahr.

Falls Ihr gerade dabei seid, Euch ein Bild über die verschiedenen Berufe zu machen und Euch noch nicht entschieden habt, was Ihr werden wollt, anbei ein paar Insider-Infos zum Beruf des Kochs.

Okay, wo fang ich an? Also, alle von Euch, die noch nie mehr mit Essen zu tun hatten, als sich beim Pizzaservice was zu bestellen, dürfen jetzt zu lesen aufhören.



Desweiteren wünsch ich allen, denen es egal ist, was sie essen und für die Dosenwürstchen die größte kulinarische Offenbarung bedeuten, einen schönen Tag.

Das Gleiche gilt für alle unter Euch, die so motiviert und begeisterungsfähig wie ein Walking Dead Zombie sind.

Für alle anderen, die jetzt immer noch weiterlesen... Gratulation, Ihr seid eine Runde weiter.



Ich könnte Euch jetzt erzählen, wie geregelt die Arbeitszeiten sind und dass Euch kleine rosa Wölkchen durch das Leben tragen, aber sorry, nicht mein Ding.
Der Beruf des Kochs ist mehr als man zuerst vermutet. Es verlangt die Leistungsbereitschaft eines Athleten, die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes und die Liebe zum Lebensmittel, um hier mithalten zu können.


Du brauchst Kreativität und solltest auch einen Schuss Wahnsinn in Dir haben, das hilft an manchen Arbeitstagen.

In Dir sollte der Wille sein, deinen Gästen immer gerecht zu werden und die Loyalität eines Soldaten gegenüber deinen Chefs.

Sag Adios zu Deinem Freundeskreis, die sich entschieden haben, in der gesichtslosen Welt der Aktenschubser zu arbeiten und Hallo zu Deinen neuen Freunden, Deinen Kollegen.

Diese werden in Deinem zukünftigen Leben die Einzigen sein, die verstehen, was du tust und warum. Sie werden Dich nicht verurteilen, wenn Du an Wochenenden arbeitest oder an Feiertagen nicht nach Hause kommst.

 Sie werden Dich auffangen, wenn Du mal nicht weiter weißt und Dich auch noch in die Arme schließen, wenn Ihr euch Jahre nicht gesehen habt.

Denn der Beruf schweißt zusammen.

Oh, ich sehe, Ihr lest immer noch, gratuliere; Ihr habt Euch soeben für das letzte Drittel qualifiziert.

An alle anderen, hört auf zu lesen, jetzt! Und macht Heftklammern an irgendwas oder spitzt Euren Bleistift.

Jetzt aber kommt das Wichtigste; wenn Ihr Lust habt die Aromen und Geschmäcker der Welt in Euch aufzusaugen, wenn Ihr in den Ländern arbeiten wollt, in denen andere Urlaub machen, wenn Ihr Teil ein ganz besonderen Gruppe von Menschen werden wollt, dann habt Ihr gute Chancen Koch zu werden.

Wenn Ihr Kreationen zaubern möchtet, die Euch nicht einschlafen lassen und Ihr nur ans Kochen denkt, dann ist Euer Dachschaden groß genug, den schönsten Beruf der Welt zu erlernen.

Gratulation, dann hast Du das Zeug, ein Koch zu werden!

Ein Aristokrat der Arbeiterklasse, ein Künstler, ein Getriebener auf der Suche nach Geschmack. Cooler, als der Rest und ausgestattet mit einem starken Charakter. Den bekommst Du übrigens gratis, wenn Du Dich durch die Positionen gekämpft hast.

Und wenn Du viel Glück hast und alles Neue und vielleicht auch Verrückte probierst und neugierig bleibst, dann findest Du auf dem Weg Deinen eigenen Stil, Deine Handschrift, die Dich dann aus der Masse hervorhebt und weiter trägt.

Wenn Du  er-LEBEN willst, was Kochen ist und bereit bist, eine Berufung zu wählen und keinen Beruf, dann:  Welcome to the Club!

Ich wünsch Euch von Herzen alles Gute,

Mit kulinarischen Grüßen,
euer

Alexander Reiter